Langzeitreisen: Warum ich lieber länger bleibe
Drei Monate statt drei Wochen – und warum längeres Reisen für mich eine ganz eigene Art von Freiheit bedeutet.
Meine erste längere Reise begann ziemlich genau mit dem Start meines Erwachsenenlebens. Direkt nach der Matura ging es für sechs Monate nach Kalifornien. Meine Homebase war Oakland, ich war viel in San Francisco unterwegs und besuchte außerdem ein College, um mein Englisch zu verbessern.
Damals hatte ich noch keinen großen Plan vom Leben. Ich wusste eigentlich nur, dass ich gerade etwas unglaublich Spannendes entdeckt hatte: Die Welt ist riesig. Und ich möchte mehr davon sehen.
Diese sechs Monate waren der Anfang meiner Reiseleidenschaft – und vermutlich auch der Anfang meiner Begeisterung für längere Reisen. Seit meiner ersten Erfahrung mit Langzeitreisen in den USA habe ich zusammen mit meinem Partner mehrere Monate am Stück in Südostasien und Europa verbracht – und weiß ziemlich genau, warum ich diese Art des Reisens so liebe.
Wenn das Ende noch weit weg ist.
Wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt
Das Schönste an einer Langzeitreise ist für mich der Zeithorizont. Wenn man zwei oder drei Wochen Urlaub hat, tickt die Uhr irgendwie von Anfang an mit. Man weiß: In vierzehn Tagen geht es wieder nach Hause. Also möchte man möglichst viel sehen, möglichst viel erleben und möglichst wenig Zeit „verschwenden“.
Bei einer längeren Reise ist das anders.
Man hat Zeit. Man kann morgens aufwachen und denken: Heute? Mal schauen. Und wenn man einen Ort besonders schön findet, bleibt man einfach noch ein bisschen. Wenn man irgendwo einen Tag länger braucht, ist das kein Problem. Wenn man spontan einen Umweg fahren möchte, muss man nicht sofort ausrechnen, ob man dadurch den Rückflug gefährdet.
Das Ende der Reise ist natürlich trotzdem da. Aber es winkt nicht schon übermorgen. Und genau das macht für mich einen gewaltigen Unterschied.
Die Reise, die jahrelang im Kopf war.
Die Reise, die jahrelang im Kopf war
Nach meiner ersten großen Reise dauerte es einige Jahre, bis ich mir den nächsten Traum tatsächlich erfüllen konnte. Irgendwann hatte ich mich selbstständig gemacht. Ein wichtiger Grund dafür war für mich auch die Freiheit, die diese Form des Arbeitens ermöglicht. Und irgendwann war es dann so weit: die erste richtige Langzeitreise, die ich schon seit Jahren geplant und mir gewünscht hatte.
13 Wochen Thailand, Malaysia und Singapur.
Die Homebase für meinen Partner und mich war Koh Samui. Von dort aus ging es weiter in andere Regionen und Länder. Es war ein absoluter Traum. Und – wenig überraschend – es hat mich süchtig gemacht. Denn nach drei Monaten weiß man plötzlich, wie sich Reisen anfühlt, wenn man nicht ständig auf die Uhr schauen muss. Man hat Zeit, einen Ort nicht nur anzusehen, sondern ihn ein bisschen kennenzulernen. Zeit für einen zweiten Besuch. Für einen Tag, an dem man gar nichts macht. Für einen spontanen Ausflug. Für den Lieblingsplatz, an den man einfach noch einmal zurückkehrt.
Lieblingsplatz.
Langzeitreise kann auch Roadtrip sein
Die zweite längere Reise sah komplett anders aus. Diesmal ging es nicht mit dem Flugzeug nach Asien, sondern mit meinem kleinen, alten Opel Corsa los. Vollgepackt bis oben hin, starteten wir in Wien Richtung Frankreich und Spanien. Über Bayonne und Bilbao ging es einmal quer durch Spanien von Norden nach Süden und anschließend entlang der europäischen Südküste von Málaga aus wieder zurück nach Wien.
Mehr Freiheit geht eigentlich kaum.
Kein Flugplan. Keine feste Route, die unbedingt eingehalten werden muss. Auto auf, Gepäck rein und los. Allerdings habe ich dabei auch gelernt, dass Langzeitreise nicht automatisch bedeutet, dass alles entspannt ist. Diese Reise hatte ordentlich Kilometer. Sehr viele Kilometer.
Die langen Fahrstrecken waren teilweise ziemlich anstrengend, und im Rückblick würde ich dieselbe Reise sofort wieder machen – aber beim nächsten Mal mit deutlich mehr Zeit. Denn genau das ist ja eigentlich der Sinn einer Langzeitreise: nicht möglichst viel Strecke in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen.
Roadtrip-Panorama.
Wieder Asien
Bei der dritten Langzeitreise zog es uns wieder nach Südostasien. Diese Länder haben schlicht mein Herz erobert und haben mich nie wieder losgelassen. Jeweils einen Monat verbrachten wir in Vietnam, Malaysia und Bali. Und wieder war ich begeistert.
Es ist wohl genau diese Mischung aus Vertrautheit und Entdeckung, die mich an längeren Reisen so fasziniert. Man kommt irgendwo an, braucht ein paar Tage, um sich zu orientieren, findet irgendwann seinen Rhythmus – und genau dann muss man nicht schon wieder die Koffer packen.
Man kann bleiben.
Und das verändert auch die Art, wie man einen Ort erlebt.
Ankommen. Bleiben.
Der Luxus, Zeit zu haben
Natürlich ist Langzeitreisen ein Luxus. Das möchte ich gar nicht schönreden.
Man braucht Zeit – und man braucht das entsprechende Budget. Drei Monate unterwegs zu sein ist finanziell etwas völlig anderes als zwei Wochen Urlaub. Und wer selbstständig ist, muss außerdem organisieren, wie sich eine längere Abwesenheit mit der eigenen Arbeit vereinbaren lässt. Gerade deshalb funktioniert Langzeitreisen nicht für jeden und nicht in jeder Lebensphase.
Aber wenn die Möglichkeit besteht und man mit dem Gedanken ohnehin schon länger spielt, würde ich sagen: ausprobieren.
Wie wir unsere Langzeitreisen finanzieren und organisieren
Langzeitreisen klingen wunderbar – aber natürlich stellt sich irgendwann die ganz praktische Frage: Wie macht man das eigentlich?
Bei uns funktioniert es vor allem deshalb, weil wir beruflich sehr unterschiedliche Voraussetzungen haben. Ich bin freiberuflich tätig und kann deshalb auch unterwegs arbeiten. Das bedeutet zwar nicht, dass ich drei Monate lang komplett Urlaub mache – im Gegenteil, ein Teil meiner normalen Arbeit läuft auch während der Reise weiter. Aber ich kann mir meine Arbeitszeit wesentlich flexibler einteilen und unterwegs weiterhin Geld verdienen.
Bei meinem Partner sieht das ganz anders aus. Er ist angestellt in einer Branche, in der das Wort „Sabbatical“ leider völlig unbekannt ist. 😉 Eine längere Auszeit vom Job ist dort schlicht nicht vorgesehen. Die Konsequenz: Für unsere Langzeitreisen musste er jedes Mal kündigen.
Das klingt vielleicht erst einmal ziemlich radikal. Ist es auch ein bisschen. Aber es funktioniert – wenn man bereit ist, die entsprechende Konsequenz zu tragen. Denn natürlich bedeutet eine Kündigung, dass nach der Reise nicht einfach der normale Arbeitsalltag weitergeht. Dann steht erst einmal die nächste Jobsuche an – mit der entsprechenden Unsicherheit, wann und wo es beruflich weitergeht. Das ist also keine besonders bequeme Lösung und sicher auch keine, die für jeden infrage kommt. Für uns war es bisher trotzdem die richtige Entscheidung. Wenn eine mehrmonatige Auszeit im bestehenden Job schlicht nicht möglich ist, bleiben irgendwann nur zwei Möglichkeiten: auf die Reise verzichten oder die Konsequenzen in Kauf nehmen. Wir haben uns für Letzteres entschieden. Die Sicherheit eines bestehenden Jobs gegen drei Monate Reisezeit einzutauschen, ist durchaus ein Risiko. Aber eines, das wir bisher ganz bewusst eingegangen sind.
Zwischen unseren längeren Reisen liegt deshalb natürlich immer wieder eine längere Sparphase. Wir überlegen ziemlich genau, wofür wir unser Geld ausgeben möchten, und verzichten lieber auf manchen Konsum, der uns im Alltag eigentlich gar nicht so wichtig ist. Das Geld, das dabei übrig bleibt, landet auf dem Reisekonto.
Langzeitreisen sind also durchaus eine Frage von Zeit und Geld. Aber manchmal auch eine Frage davon, welche Prioritäten man setzt.
Wohin geht die nächste Reise?
Natürlich plane ich längst die nächste Langzeitreise. Das Ziel soll mich hoffentlich in Richtung Südsee führen. Ob und wann das tatsächlich klappt, wird – wie so oft – eine Frage von Zeit und Budget sein. Aber genau das gehört für mich inzwischen irgendwie dazu. Eine Reise beginnt schließlich nicht erst am Flughafen.
In der Regel beginnt sie schon Jahre vorher, wenn man zum ersten Mal eine Karte anschaut und denkt: Da möchte ich hin. Der nächste Schritt ist bei mir dann immer das Anlegen eines neuen Excel-Sheets. Und dann geht die Budget- und Routenplanung los.
Denn nach der Reise ist vor der Reise.