Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen

 
 

Über falsche Wörter, richtige Wörter, Schreibregeln – und die ziemlich unbequeme Tatsache, dass Schreiben eben doch ein Handwerk ist.

„Writing is easy. All you have to do is cross out the wrong words.“

Ein wunderbares Zitat. Pointiert, witzig und so herrlich einfach.

Dummerweise weiß jeder, der schon einmal versucht hat, einen halbwegs vernünftigen Text zu schreiben – und sei es nur im Deutschunterricht in der Schule –, dass Schreiben alles andere als leicht ist.

Manchen liegt es mehr als anderen. Gedanken werden zu Sätzen, Sätze zu Geschichten, und irgendwie klingt das Ergebnis dann auch noch so, wie es im Kopf geklungen hat. Das nennt man dann Talent.

Für andere ist schon der Weg vom Kopf auf die Tastatur hart und weit. Im Kopf ist alles völlig logisch. Man weiß genau, was man sagen möchte. Dann schreibt man es auf, liest es noch einmal und fragt sich, wer diesen Satz verbrochen hat.

Nein. Schreiben ist nicht leicht.

Aber vielleicht müssen wir tatsächlich nur die falschen Wörter weglassen.

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen. Mark Twain.

Schreiben ist (nicht) leicht.

Gibt es überhaupt falsche Wörter?

Jein.

Wer sich länger mit dem Schreiben beschäftigt, begegnet früher oder später einer recht ansehnlichen Menge an Regeln darüber, was man beim Schreiben tun und vor allem nicht tun sollte.

Show, don’t tell.

Adjektive? Böse.

Adverbien? Noch schlimmer. Stephen King schrieb in On Writing sogar: „I believe the road to hell is paved with adverbs.“

Elmore Leonard war in seinen berühmten zehn Schreibregeln ebenfalls nicht gerade zimperlich. Regel Nummer sechs: „Never use the words ‘suddenly’ or ‘all hell broke loose’.“ Das arme „plötzlich“ hat es unter Schreibenden seitdem wirklich nicht leicht.

Und seit KI-generierte Texte unseren Alltag erreicht haben, ist die Liste der verdächtigen Wörter und Formulierungen noch einmal länger geworden. Gedankenstriche? KI. „Und vielleicht ist es genau das …“? KI. „Erstaunlich“? KI.

Wenn man lange genug Texte lektoriert oder mit anderen Autoren spricht, stellt man allerdings ziemlich schnell fest: Nicht einmal bei den klassischen Regeln sind sich alle einig.

Darf man Adjektive verwenden? Natürlich.

Darf man erzählen statt zeigen? Selbstverständlich.

Darf etwas plötzlich passieren? Ich hoffe doch sehr.

Füllfeder auf Linienpapier

Falsche Wörter? Jein!

Die falschen Wörter sind nicht immer dieselben

Für mich liegt genau hier das Problem mit pauschalen Schreibregeln. Literatur ist Kunst. Und Kunst funktioniert schlecht mit einer Liste von Wörtern, die grundsätzlich verboten sind.

Ein Thriller braucht eine andere Sprache als eine sanfte Romance-Story. Eine Komödie darf anders klingen als ein Psychothriller. Und was bei einer Autorin wunderbar funktioniert, klingt beim nächsten Autor vielleicht völlig falsch.

Es kommt auf das Buch an. Auf das Genre. Auf die Figur. Auf die Stimme. Auf den Stil.

Die Frage ist also eigentlich nicht: Darf ich dieses Wort verwenden? Die Frage ist viel eher: Ist es an dieser Stelle das richtige Wort?

Und damit wären wir wieder ziemlich nah bei unserem Ausgangszitat.

Denn die Pointe funktioniert deshalb so gut, weil Überarbeiten tatsächlich zu einem großen Teil aus Entscheidungen besteht. Brauche ich diesen Satz? Ist dieses Adjektiv notwendig? Wiederhole ich gerade etwas? Gibt es ein präziseres Verb? Erkläre ich etwas, das die Szene längst gezeigt hat? Bremst dieser Absatz die Geschichte aus?

Das „falsche“ Wort ist dann nicht verboten.

Es ist einfach das Wort, das an dieser Stelle nicht die beste Arbeit leistet.

Roter Stift in der linken Hand über einem weißen Notizblock

Keine Regeln.

Und was hat Mark Twain nun wirklich gesagt?

Besser noch: Was hat er gemeint? Tja, an dieser Stelle gibt es ein kleines Problem.

Das Zitat, das diesen ganzen Text ausgelöst hat, wird Mark Twain zugeschrieben. Nur hat Mark Twain es höchstwahrscheinlich nie gesagt. Das Center for Mark Twain Studies hat sich auf die Suche nach der ursprünglichen Quelle gemacht und keinen Beleg aus Twains Lebenszeit gefunden. Der früheste bislang bekannte Nachweis stammt aus dem Jahr 1985 – da war Twain bereits seit 75 Jahren tot.

Schade eigentlich.

Denn zu ihm gepasst hätte es.

Twains erhaltene Manuskripte zeigen nämlich, dass er seine eigenen Texte intensiv überarbeitete und ausgesprochen viel strich. Und einen Satz über das Schreiben hat er tatsächlich hinterlassen, der mindestens genauso gut zu diesem Thema passt: Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen und dem richtigen Wort sei der Unterschied zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz.

Das ist irgendwie ohnehin die bessere Beschreibung.

Denn plötzlich – sorry, Mr. Leonard – geht es nicht mehr darum, Wörter einfach nur zu löschen. Es geht darum, das richtige zu finden.

Bleistift und Radiergummi auf weißem Papier, daneben eine skizzierte Glühbirne

Richtige Wörter? Ja, bitte!

Leicht hatte es Twain damit offenbar selbst nicht

Die Vorstellung vom genialen Schriftsteller, der sich hinsetzt und mühelos einen Klassiker nach dem anderen aus der Feder schüttelt, ist ziemlich romantisch und (sorry) ziemlich naiv.

Twain schrieb und überarbeitete viel, veröffentlichte über Jahrzehnte und war gleichzeitig nicht gerade mit einem sorgenfreien Leben gesegnet. Finanzielle Fehlentscheidungen und gescheiterte Investitionen brachten ihn in enorme Schwierigkeiten. 1894 ging sein Verlag bankrott. Dazu kamen schwere persönliche Verluste: Sein Sohn starb als Kleinkind, später verlor Twain innerhalb weniger Jahre seine Frau und zwei seiner Töchter. Das ist furchtbar und niederschmetternd.

Aber trotzdem schrieb er weiter.

Die Moral von der Geschichte?

Gutes Schreiben sieht im besten Fall leicht aus. Das bedeutet noch lange nicht, dass es leicht entstanden ist.

Schreibmaschine Olympia mit Papier und der Aufforderung Write something

Schreiben ist Handwerk.

Schreiben ist Handwerk

Talent hilft. Natürlich.

Aber Talent allein schreibt keinen Roman.

Schreiben ist für mich vor allem ein Handwerk. Und wie jedes Handwerk muss man es lernen. Durch Schreiben, natürlich. Aber genauso durch Lesen. Durch das Studieren großartiger Bücher. Durch das genaue Hinschauen: Warum funktioniert diese Szene? Warum bleibt mir diese Figur im Kopf? Warum kann ich dieses Buch nicht weglegen? Und warum quäle ich mich bei einem anderen durch die letzten hundert Seiten?

Man lernt, indem man andere beim Schreiben beobachtet. Irgendwann entwickelt man dann die eigene Art, Geschichten zu erzählen. Die besteht dann vielleicht sogar darin, gelegentlich sämtliche gut gemeinten Schreibregeln zu ignorieren.

Was Schreiben für mich leichter macht

Wenn Schreiben also nicht leicht ist: Was macht es wenigstens leichter?

Für mich lautet die Antwort ziemlich eindeutig:

Plotten.

Und zwar detailliert. Sehr detailliert.

Ich brauche einen Fahrplan. Einen Anker, einen Kompass, eine Orientierung – nennt es, wie ihr wollt. Ich möchte wissen, wo meine Geschichte beginnt, wo sie hinführt und welche Stationen dazwischen liegen.

Natürlich verändert sich beim Schreiben trotzdem etwas. Figuren entwickeln plötzlich eigene Vorstellungen davon, was sie tun möchten. Eine Szene funktioniert anders als gedacht. Eine Idee kommt dazu, eine andere fliegt raus.

Aber ich weiß immer, wo ich ungefähr hinwill.

Wer schon einmal einen Roman mit 60.000, 80.000 oder 100.000 Wörtern geschrieben hat und nicht zufällig ein literarisches Genie ist, weiß vermutlich, wie schnell man sich auf dieser Strecke verlaufen kann.

Ich jedenfalls kann das hervorragend.

Deshalb plotte ich.

Andere Autorinnen und Autoren schreiben völlig anders. Manche starten mit einer Figur und einer Idee und entdecken die Geschichte erst während des Schreibens. Wenn das funktioniert: großartig.

Für mich wäre es die Hölle.

Ich möchte beim Schreiben nicht gleichzeitig herausfinden müssen, was eigentlich meine Geschichte ist. Ich möchte sie vorher kennen. Dann kann ich mich beim Schreiben auf das konzentrieren, was ohnehin schon schwierig genug ist:

die richtigen Wörter dafür zu finden.